Was «starker Franken» eigentlich heisst
Der Schweizer Franken gilt im internationalen Kontext als Reserve- und Fluchtwährung.
Wenn in der Presse von einem «starken Franken» die Rede ist, ist in der Regel die
Entwicklung gegenüber dem Euro und dem US-Dollar gemeint. Ob der Franken teuer oder
günstig ist, lässt sich aber erst im Verhältnis zu zwei Grössen seriös beurteilen:
zu den Preisen im Ausland und zum Zinsdifferential zwischen dem Frankenraum und
den grossen Währungsräumen.
Entsprechend entsteht Franken-Stärke selten aus einzelnen Nachrichten. Sie ist
meistens das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Geldpolitik, Risikoappetit der
Anleger und struktureller Nachfrage nach sicheren Anlagen.
Wirkung auf Haushalte
Für Schweizer Haushalte zeigt sich ein starker Franken zuerst in zwei Bereichen:
Importgüter und Auslandreisen. Güter, die in Euro oder US-Dollar eingekauft werden,
sind im Detailhandel tendenziell günstiger zu haben, sobald der Franken aufgewertet
hat. Reisen in den Euroraum oder in die USA wird messbar preiswerter.
Die Wirkung kommt jedoch nicht sofort an. Detailhandel und Reiseveranstalter geben
Wechselkursvorteile in der Regel verzögert weiter — unter anderem, weil Einkaufspreise
in Franken gehedgt sind und weil lokale Kosten (Mieten, Löhne, Energie) nicht in
Fremdwährung anfallen. Kurzfristige Kursbewegungen sind daher für die meisten
Haushalte weniger relevant als das allgemeine Niveau über mehrere Quartale.
Wirkung auf Unternehmen
Exportorientierte Branchen spüren Franken-Stärke typischerweise zuerst in der Marge.
Wenn ein Maschinen- oder Uhrenhersteller in Euro fakturiert und in Franken produziert,
verringert jede Aufwertung den Franken-Gegenwert des gleichen Umsatzes. Das führt
nicht zwingend zu sinkenden Umsätzen, aber zu engeren Margen — und damit früher oder
später zu Preiserhöhungen, Effizienzprogrammen oder Standortentscheiden.
Tourismusbetriebe erleben einen ähnlichen Effekt, allerdings auf der Nachfrageseite:
Gäste aus dem Euroraum kalkulieren das Preisniveau in Franken neu, wenn der Euro an
Wert verliert. Schweizer KMU, die hauptsächlich im Inland tätig sind, sind
tendenziell weniger direkt betroffen — profitieren aber von günstigeren Vorprodukten
aus dem Ausland.
Grenzgänger und Grenzregionen
Für Grenzgänger ist das Thema besonders konkret. Wer in der Schweiz arbeitet und in
Euro lebt, gewinnt bei jeder Franken-Aufwertung rechnerisch Kaufkraft. Im Gegenzug
verliert der Schweizer Detailhandel in Grenzregionen Marktanteile, sobald der
Einkaufstourismus ins Ausland attraktiver wird. Diese Effekte sind strukturell und
kommen bei jeder längeren Franken-Stärke-Phase zuverlässig zurück.
Was man daraus ruhig mitnehmen kann
Franken-Stärke ist kein kurzfristiges Handelssignal und auch kein Grund zu
Alltagsentscheiden unter Zeitdruck. Sie ist eine langsame Grösse, die sich über
Quartale entfaltet und Haushalte, Unternehmen und Regionen unterschiedlich trifft.
Wer Artikel über den Frankenkurs liest, gewinnt meistens mehr, wenn er den Zeithorizont
der Wirkung mitdenkt, als wenn er der Tageszahl hinterherschaut.